Kalorienfiebel

Wenn Essen nur aus Zahlen besteht

15. Mai 2018

Lange habe ich überlegt ob ich diesen Beitrag veröffentlichen soll. Menschen die mich heute kennen lernen, wissen nichts von dieser Geschichte. Nicht weil ich es verheimlichen will, sondern weil es so weit in der Vergangenheit liegt, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Weil es für mich einfach kein Thema mehr ist und es mich nicht mehr beschäftigt.

Ich will Mut machen

Ich habe mich entschlossen diesen Beitrag doch zu veröffentlichen, weil ich anderen Menschen Mut machen will. Mut machen, dass man diese Krankheit besiegen kann und sie hinter einem lassen kann. Mein Artikel richtet sich auch an Eltern die ein magersüchtiges Kind zu Hause haben – ich möchte euch mit meiner Geschichte Mut schenken.

Mein Weg in die Krankheit

Mein Weg in die Magersucht begann in der Pubertät. Mit etwa 60 kg war ich nicht dick, aber eben auch nicht dass schlankeste Mädchen in der Klasse. Am Anfang waren es nur drei bis vier Kilo die ich abnehmen wollte.

Geendet hat es bei etwa 35 kg bei einer Größe von 167 cm. Ich war zu schwach um Lebensfreude zu haben. Mein Lebensinhalt bestand darin möglichst wenig Kalorien zu mir zu nehmen. Ich hatte riesige Angst vor kalorienreichen Essen. Die Kalorienfiebel konnte ich auswendig.

Mir wurde Intimsphäre genommen

Es hat mit zwei langen Krankenhausaufenthalten geendet. Als minderjähriges Mädchen wurden mir dort jede Intimsphäre genommen. Ich durfte nicht alleine duschen, aufs Klo gehen und schon gar nicht alleine essen. Ich durfte nicht entscheiden wann, was oder wieviel ich essen will.

Tagebuch eines magersüchtigen Mädchens

Mein Tagebuch aus der Zeit im Krankenhaus

Meine ganze Familie litt unter meiner Erkrankung. Vor allem natürlich meine Mama, mein Papa und meine drei Geschwister – mein kleiner Bruder bekam sehr viel ab. In einem Alter, in dem er noch zu klein für solche Sorgen war. Es tut mir leid was ihr mit mir durchmachen musstet.

Sonst wären wir zerbrochen

Wir sind stärker geworden. Wir haben so viel gelernt. Wir haben gelernt die Krankheit und mich getrennt zu sehen – sonst wären wir daran zerbrochen.

Wir haben es geschafft. Ich habe es geschafft. Und ich möchte danke sagen. Auf meinen Weg zurück in ein lebenswertes Leben habe ich so viel Hilfe bekommen. Dafür bin ich heute noch unendlich dankbar.

Die Magersucht ist für mich ein Teil meiner Vergangenheit aus dem ich gestärkt hervorgegangen bin. Ich habe viel über mich gelernt.

Ich will ehrlich sein

Ich bin ehrlich zu euch. Ganz zufrieden bin ich mit meinem Körper heute nicht. Gerne wäre ich ganz ein klein bisschen schlanker. Aber ich mag meinen Körper und ich bin ihm dankbar. Dankbar, dass ich eine schwere Erkrankung überstanden habe. Dankbar, dass mein Körper drei wunderbare gesunde Kinder hervorgebracht hat.

Es ist heute so schön Essen als etwas positives zu sehen. Essen gibt Kraft und Lebensfreude. Es ist so wunderbar das Essen zu genießen. Sich keine Gedanken darüber zu machen wie viele Kalorien das Essen hat. Die Freude am gesunden Essen will ich auch meinen Kindern mitgeben. Danke!

Das ist meine Geschichte mit der ich euch Mut machen will. Mut machen will, die Krankheit hinter euch zu lassen. Ich bin so dankbar diese Krankheit besiegt zu haben. Es ist so wunderbar Essen genießen zu können und hinter dem Essen keine Zahlen zu sehen. Ich freue mich gesund zu sein. In mir steckt eine riesige Lebensfreude. Ich feier das Leben.

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11 Comments

  • Reply Emily Kaiser 15. Mai 2018 at 10:25

    Das hast du toll geschrieben! Ich finde es schön, dass du so ehrlich bist und auch sagst, dass du dir auch heute noch Gedanken um deine Figur machst… Auch ich bin zu Beginn der Pubertät in den Kreislauf der Krankheit eingebrochen… Wie du wollte ich nur 3,4 kg abnehmen, doch daraus wurden dann schnell 20kg… Heute würde ich sagen ich kann sehr gut mit der Krankheit umgehen, ich habe ein „normales“ Gewicht und ich denke wenn man mich so sieht würde man nicht vermuten, dass auch ich an der Krankheit gelitten habe… Es ist einfach so unglaublich traurig wie viele Freuen und auch Männer unter der Krankheit Leiden… Ich bin mir sicher, dass auch viel zu viele Instagrambloggerinnen unter Anorexie leiden, es jedoch nicht zugeben… Meiner Meinung nach sollten die Menschen mehr für das Thema sensibilisiert werden… Bei mir haben sich damals leider viel zu viele Menschen eingemischt und gemeiny meinen Eltern und sagen zu müssen, was sie zu tun haben… Dabei haben die Außenstehenden nicht mal gemerkt, dass es meinen Eltern und besonders meinem kleinen Bruder und auch mir dadurch noch viel schlechter ging… Magersucht beginnt im Kopf, doch leider verstehen die Meisten das nicht… „Ess doch mal was, du bist so dürr!“ Ja, klar, wenn das so einfach wäre… Ich denke das kennst du ganz genau… Vielen Dank für deinen Post, es ist mir eine Herzensangelegenheit, dass man über die Krankheit spricht und somit anderen Mut machen kann! Jeder kann es raus schaffen!
    Danke für deine Ehrlichkeit!:)
    Emily

    • Reply Agnes Duerhammer 15. Mai 2018 at 22:03

      „Iss doch was du bist zu dürr“ – diese Kommentare sind echt nicht hilfreich. Ich stimme dir zu, es muss noch viel mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden. Danke für deinen ehrlichen Kommentar.

  • Reply Ulli 15. Mai 2018 at 11:03

    So mutig, das du deine Geschichte teilst, und so wichtig! Ich glaube es sind mehr betroffen als man denkt, man sieht eine Essstörung ja nicht bei allen. Ich war zum Glück immer nur an der Grenze, ein richtig gesundes Verhältnis zum Essen musste ich mir aber auch erst wieder antrainieren. Danke jedenfalls für deine Offenheit! lg Ulli

    • Reply Agnes Duerhammer 15. Mai 2018 at 22:04

      Danke Ulli für deine lieben Worte und schön dass du heute ein gesundes Verhältnis zum Essen hast und es mit uns teilst.

      Alles Liebe
      Agnes

  • Reply Eva Bruckner- Mama-Mutmacherin 15. Mai 2018 at 17:19

    Danke für diesen wunderbaren Artikel.
    Ja Du hast damit sicher vielen Mut gemacht. Ich finde es sehr wertvoll dass es mutige Leute wie Dich gibt die Ihre Geschichte teilen. Danke dafür.

  • Reply Isa 15. Mai 2018 at 19:59

    Ich finde es toll, dass du darüber schreibst. Denn es gibt viel mehr Betroffene, als man denkt. Und Glückwunsch, dass du nun wieder dein Essen genießen kannst.

    • Reply Agnes Duerhammer 15. Mai 2018 at 22:04

      Danke Isa für deinen lieben Kommentar!

  • Reply Sina martin 16. Mai 2018 at 21:10

    Danke für diesen intimen Artikel. Für viele bestimmt ein mutmacher

    • Reply Agnes Duerhammer 17. Mai 2018 at 8:08

      Danke Sina für deinen Kommentar. Ich hoffe sehr dass ich vielen Mut machen kann.

  • Reply Eliane 17. Mai 2018 at 23:47

    Uff, solche Geschichten nehmen mich immer total mit! So traurig, so hart, aber so schön, dass du gestärkt daraus hervorgegangen bist, was für ein Glück, hattest du so viel Hilfe und Liebe und wie toll, dass du jetzt eine eigene Familie hast und die Freude am Essen zurückgewonnen hast! Alles Gute weiterhin und danke fürs Mutmachen!

    • Reply Agnes Duerhammer 18. Mai 2018 at 20:19

      Danke für deine lieben Worte!

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